Vortrag Peter Hess
5. Klang-Kongress 10.09.2011 in Dortmund

 

Musik aus Wasser, Stein und Metall im künstlerischen und therapeutischen Bereich / Kontext

 

Exposition nennt man den Anfang einer Sonate, einer Symphonie, eines Klavierkonzerts, eines Streichquartetts. Exposition ist, reduziert man diesen Vorgang auf seinen innermusikalischen Gehalt, die Vorstellung der musikalischen Gedanken, der Ideen, der Thesenführung, der Auseinandersetzung, der Einigung eines nach den normativen Ordnungsprinzipien der Musik entwickelten Satzes aus Tönen, Klängen, Rhythmen, Klangfarben, Lautstärken, um nur einen kleinen Teil der sogenannten Parameter eines musikalischen Satzes zu benennen.

 

Meine heutige Exposition beginnt mit der Erde, dem ersten Thema

„Mehr als fünf Milliarden Jahre sind vergangen, seit eine riesige Gas- und Staubwolke innerhalb der Milchstraße von einer gewaltigen Schockwelle erschüttert wurde. Dieser Schlag, der vielleicht von einer Supernova-Explosion und damit dem Ende eines massereichen Sterns stammte, führte dazu, dass die weitverteilten Atome der Wolke - größtenteils Wasserstoff und Helium - langsam zu ihrem Zentrum hingetrieben wurden; dabei nahm die gegenseitige Anziehungskraft zu, so dass sich die Wolke zusammenzu-ziehen begann. Turbulenzen innerhalb der Wolke verwandelten sich in langsame Wirbel und Strudel, die bald unabhängige Teilstrukturen bildeten. Während sich diese Fragmente weiter zusammenzogen, erhöhte sich die Rotationsgeschwindigkeit. Eine solche Teilwolke, die sich aufgrund der immer schnelleren Rotation allmählich zu einer dünnen, rund 80 Milliarden Kilometer großen Scheibe verformte, wurde zum solaren Urnebel, dem Vorläufer unseres Sonnensystems.

 

Tausende von Jahren vergingen: Schwerere Elemente wie Eisen und Nickel sanken zum Zentrum des solaren Nebels ab und heizten es auf, während sich die Randbereiche der Wolke allmählich abkühlten. Kleine Partikel stießen zusammen und wuchsen zu größeren Körnern heran; so entstanden kleine Gesteinsbrocken und schließlich sogenannte Planetensimale, Körpern von einigen Kilometern Durchmesser. Im Laufe eines weit größeren Zeitraums sammelten sich diese um den heranwachsenden Protoplaneten kreisenden Planetensimale und verschmolzen allmählich zu Protoplaneten, die das verbliebene Material aus ihrer Umgebung anzogen. Nach einigen Zehnmillionen Jahren hatte der Protostern mehr als 90% des ursprünglichen solaren Urnebels in sich vereint und war so weit geschrumpft, dass in seinem Innern der Prozess der termonuklearen Verschmelzung einsetzte. Damit wurde der Protostern zu einer jungen Sonne, deren helles Licht die um sie kreisenden Planeten anstrahlte. Die Entwicklung dieser Planeten war jedoch noch lange nicht abgeschlossen. An dritter Stelle von Innen kreiste z.B. ein Gesteinsklumpen, der sich erst nach weiteren 2 1/2 Milliarden Jahren in die Erde, den Garten des Sonnensystems, verwandeln sollte.“ Zitat Ende.

 

Anfänge, meine Damen und Herrn faszinierten mich schon immer. Der Anfang des Tages, wenn aus der Nacht die Dämmerung wird, wenn die ersten Vögel zur jeweils eigenen Zeit ihre ihnen eigene Melodie spielen, der Anfang eines Konzerts, wenn der erste Ton sich in den Raum schleicht, verbunden mit der Frage des Schon-hier-seins oder des erst aus der Bewegung des Spielers ihn nur sehend herauskommend, der Moment, wo man das erste Mal liebt, wo jenes Gefühl entsteht, welches so unter die Haut geht, dass man versucht ist, die Zeit anhalten zu wollen, das erste Konzert, welches ich gespielt habe, damals, als ich in der Garderobe sichtlich und spürbar nervös auf und ab ging und schließlich froh war, endlich auf dem Podium zu sitzen und die Tasten unter den Fingern zu haben. 

 

Schließlich der Moment meiner Geburt, mein erstes Fühlen, Spüren, Hören, Sehen - dieser Moment entzieht sich aber leider und unwiederbringlich meiner bewussten Kenntnis. Ich hätte ihn gerne wahrgenommen, so miterlebt, dass ich ihn heute noch wiederholen könnte, ihn mir auf vielfältige Art und Weise am besten anhören, ansehen, lesen, spüren und fühlen könnte. Wo komme ich her, aus welchem Klang bin ich entstanden, wie tönte die Sprache meiner Mutter in den Zeiten meiner Entstehung, was prägte meine Zellen, die heute resonieren, wenn der oder jener Klang zu tönen beginnt, sich jene Schwingungen entwickeln, in die ich mich unmittelbar einfinde? Wie tönen die Musiken, die hier gehört, gespielt, gesungen wurden, meine ursprünglichen Erfahrungen ausmachten und mein Sein, mein Dasein prägten?

 

Das, meine Damen und Herrn war das zweite Thema der Exposition, der Anfang des Menschseins..

 

Es folgt der Fluss, die Überleitung, die Modulation in die Dominanttonart, die Betrachtung der Details, die Wiederholung der Motive, bei Beethoven würde man es die motivisch-thematische Arbeit nennen. 

 

Zitat Mythos China
„Aller Töne Anfang liegt am Herzen des Menschen

Des Menschen Herzen bewegen die Dinge von außen,

So entsteht das Gefühl, das sich in Klänge formt,

Die sich wandeln wie dieses.

Töne nennt man die Ordnung der Klänge.

Erklingen diese, abgestimmt aufeinander,

Dazu des Tanzes Bewegung

Mit Speer und Schild, mit Flöte und Federn,

Dann nennt man dies alles Musik.“ 

 

A propos Beethoven: Eine Exposition von ihm, zum Beispiel die der Klaviersonate Pathétique könnte als Überschrift folgenden Text von ihm haben:

 

„Die Kunst vertritt allemal die Gottheit, und das menschliche Verhältnis zu ihr ist Religion; was wir durch die Kunst erwerben, das ist von Gott, göttliche Eingebung, die den menschlichen Befähigungen ein Ziel steckt, das er erreicht:“ 

 

Und die höchste Kunstform, die, wie Bach sagt, zur Ehre Gottes und zum Ergötzen des Gemüths und wie keine andere das Höchste erreicht, ist die Musik. Gerne würde ich gerade in einem Vortrag über die Musik, dieselbe durch Musik erläutern. Leider schafft es unsere aktuelle Kultur nicht, dies zu tun. Meine musikalischen Ereignisse, die ich in die Kommunikation stellen würde, stünden dem von Ihnen Erwarteten als momentan nicht vermittelbar gegenüber. So muss die Verbale Sprache als Vermittler dessen, was eimal gedacht wurde, wie die Welt sich verstand, hier helfen, Vorstellungen über die Vergangen-heit in Ihren, in unseren Wahrnehmungssystemen zu entwickeln. Verbale Sprache an sich ist selbst bedürftig, ist eine Krücke, sie vermag nicht die Dimensionen der Musik nur annähernd zu reflektieren. Denken, sagen die Wissenschaftler, ob sie Linguisten, Psychologen oder Neurologen sind, kann man nur etwas wenn es zur Sprache gebracht wird, und meinen damit die verbale Sprache. Nun, neben derselben gibt es die Zeichen-sprache, die Sprachen des Zeichnens und Malens, die Musiksprachen, die diversen Kunstsprachen, deren Denkweisen sich vielfältig unterscheiden und deren Ausdrucks-formen und Entstehungsprozesse genauso lern- und übbar und intensiv zu üben sind wie alle anderen künstlerischen Tätigkeiten. Dann werden wir uns eines Tages musikalisch unterhalten können und, wie ich gelegentlich anmassend sage, dann wird Babylon zu Ende gebaut werden können, da wir gelernt haben, die Klänge, die Töne, die Musik zu verstehen. Oder gerade deshalb nicht mehr gebaut werden.

 

Was sind diese Klänge, welche Bedeutung haben sie im Laufe der Geschichte?

Der Exposition dritter Bestandteil

 

Klänge sind Bestandteile aller Dinge, sind Teil ihrer Eigenschaften, charakterisieren sie, zeichnen sie aus. Alles was lebt, schwingt, tönt und klingt. Klang gehört zu jedem Gegenstand, jedes Element ist mit Klang versehen, bei jedem Phänomen finden Sie ihn. 

Klänge sind mit all ihren Charakteristika immer lebenswichtiger und lebensbedeutender Bestandteil der Gesamtheit aller Eigenschaften. So wie alles aus einem Material gebaut ist, eine Farbe, Dichte und Form besitzt, auch Geist und Sinn, so gehört auch der Klang dazu. Er, der Klang beschreibt die Dinge dieser Welt in tönender Hinsicht. 

 

Die Klänge der Dinge, Phänomene und Elemente sind im Leben die frühesten Wahrnehmungen der Gesetzmäßigkeiten der Welt. Klang dient zur Orientierung, dem Zurechtfinden in dieser Welt, war Imitation der Natur, um ihre Möglichkeiten zu nutzen und ihre Gefahren zu bewältigen. Die Imitation verstand sich als klangliches Abbilden, sie war ein archetypischer Vorgang, war Teilhaben und Einssein mit den kosmischen Gesetzen, der Musica Mundana. Dies geschah im Hören, da der Klang als göttlich galt, die Schrift, die viel später entstand, dagegen als weltlich. In der indischen Tradition wird das Hören und Merken des Klangs noch heute über die Schrift, über die Erkennt-nis durch das Sehen gestellt. Die Texte der Veden wurden nicht aufgeschrieben. Sie wurden und werden immer über den Klang gelernt und nach klanglichen Prinzipien rezitiert. Klang, Struktur, Form und Inhalt  sind hier nicht getrennt sondern als Pulsation, als Rhythmus der Versmasse, als Klangfarbe, als Harmonie, als Lehre der Gefühle Teil des Gesamten, den die Person in ihrer Entwicklung prägenden Vorgang.

 

Manchmal wiederholt die Exposition das erste Thema. Dies geschieht oft bei Franz Schubertschen Klaviersonaten, er, der die Exposition für den wichtigsten Teil der Sonate aus dem Beethovenschen Denken weiterent-wickelt hat.

 

Hier das erste Thema, ein Zitat aus der Geschichte der Erde. Achten Sie bitte auf den Klang derselben.

„Die Erde, die aus zahllosen Partikeln aus dem Erbe ausgebrannter Sterne entstanden war, drehte sich unter einem Himmel, an dem sich unzählige Kometen auf stark exzentrischen Bahnen bewegten. Viele dieser kosmischen Vagabunden stürzten auf die kalte, felsige Oberfläche des jungen Planeten und hinterließen dort nicht nur tiefe Krater, sondern auch neue Materie sowie die beim Aufprall erzeugte Energie.

 

Anfangs hatte eine dünne Wasserstoffatmosphäre den zernarbten Planeten eingehüllt, war dann aber von den starken Sonnenwind - einer Strömung aus elektrisch geladenen Teilchen - mitgerissen worden: Das Schwerefeld der Erde hatte nicht ausgereicht, um diese leicht flüchtige Gashülle festzuhalten. Dieser Sonnenwind hatte lange Zeit vorher den größten Teil des Wasserstoffs und Heliums aus den inneren Bereichen des solaren Urnebels nach außen gefegt. Dort entstanden im Lauf der Zeit die großen, gasförmigen Planeten.

 

Über viele Millionen Jahre hinweg zeigte die Erde keine Lebenszeichen. Der kahle Planet wirbelte stumm auf seiner Bahn um die Sonne, und während er seine Wärme an den umgebenden, kalten Weltraum abstrahlte, platzte die Kruste auf und schrumpfte langsam zusammen. Doch auch nachdem die äußeren Schichten zur Ruhe gekommen scheinen, waren im Innern noch Kräfte am Werk. Durch die Kontraktion der Kruste wurde die Materie weiter innen zusammengepresst, so dass ihre Temperatur anstieg. Mit fortschreitender Schrumpfung wurde das Innere schließlich so heiß, dass die Metalle zu schmelzen be-gannen. Damit kam ein Prozess in Gang, der die Erde zumindest mit geophysikalischem Leben erfüllte.“

 

So kann man die Idee der Entstehung, den Anfang der Welt sehen, hörbar machen und die Exposition damit auf den musikalischen Weg bringen. In christlicher Denkweise schuf Gott den Himmel und die Erde, im Laufe der sieben Tage die Tiere, die Menschen, die Meere die .... und es ging immer mit einem großen Gebraus, einer eigenen Musik daher.

 

Aber nicht nur Im Abendland, auch in den Schöpfungsmythen des chinesischen, des indischen und des arabischen Kulturkreises wurden (und werden grossteils noch) die Vorstellungen und Ideen hinsichtlich der Disziplin Musik verbunden mit Ethik, mit Moral, mit gesellschaftlichen Ordnungen, zumeist mit denjenigen des Weltganzen. Verantwortlich und immer noch prägend im Abendland war hierfür die Antike, die griechischen Philo-sophen, nicht angeknüpft wurde hier an die bedeutend älteren Kompetenzen der chinesischen oder indischen Kultur. Auswirkungen der griechischen Denkweise sind auch heute noch verantwortlich für das abendländische Bewußtsein, das Denken über, die Ästhetik von, die sinnliche Wahrnehmung der Musik. Mousiké war die Bezeichnung hierfür, der Begriff, der die Einheit von Sprache (Poesie), Musik (Rhythmus, Harmonie, Logos) und Tanz (Bewegung) umfaßt. 

 

Die Ordnung des Weltganzen wurde abgeleitet, begründet und definiert durch eine drei-fache hierarchische Struktur die zuoberst von der niemals gehörten (nur die Schüler von Pythagoras z.B. behaupteten, der Meister hätte dies gehört)  Musica mundana ausging, der Sphärenharmonie, der harmonischen Ordnung des Weltalls, der Gestirne, die Musica humana folgte nach, der Begriff, welcher diese Ordnung der Sphären, die Proportions-verhältnisse der Planeten im Menschen abgebildet sah, der Ordnung der Organe und Glieder, innerlich und äußerlich, physisch und psychisch, schließlich auf der dritten Ebene die Musica instrumentalis, der zuunterst angesiedelte Begriff, welcher zum ersten Mal in der Hierarchie dieses Abbild zum Klingen brachte. Musica instrumentalis bezeichnete das Handwerk, nur bedingt den Geist. 

 

Das Verbindende, das Zentrum zwischen all diesen Bereichen war das Symbol für objektivierbare Ordnung, die Zahl, das Überzeugtsein davon, die Gläubigkeit daran, die hieraus entwickelten und dargelegten Systeme wie zum Beispiel die Obertonreihe, die pythagoräischen Systeme und Kosmologien, die hieraus entstandene Mystik derselben gehörte dazu. Die Astronomie stellte die allumfassende Grundlage dar, die Astrologie die begleitende Konsequenz. Hier bewegten sich die Musen und Sirenen, Nymphen und die Götterwelt des Olymp, waren Philosophen wie Pythagoras, Aristoteles tätig, Orpheus lebte die Macht dieser Disziplin. 

 

..... und wenn ich so weiter mache, werde ich demnächst im Olymp sein ....

 

So, meine Damen und Herrn ergeht es einem Künstler, einem Komponisten, einem Musiker, der, wie die indischen Kollegen sagen, den spirituellen way geht. Er schweift ab, während er musikalisch denkt, an den Tönen feilt, die Farben der Klänge auffrischt, die Architektur im Kopfe bewegt, beginnt, aufgrund der ungeheuren Vielfältigkeit der Möglich-keiten, die die Themen und Materialien der Exposition entstehen lassen, im Meer der Klänge zu ertrinken (was er übrigens über alles liebt), sich treiben lässt und alles zulässt, was ihn davon abhält, das Werk fortzusetzen. Viele Forscher und bedeutende Persönlichkeiten nennen dies Kreativität, in der Schule bekam ich dafür früher immer Ohrfeigen, erinnere ich mich. Und auch heute verhindern die grossartigen Erkenntnisse der Wissenschaft nicht, dass die ersten Kinder in der ersten Klasse Grundschule am Symptom burn-out erkranken. Da geniesse ich das Abschweifen in meine Kunst und kämpfe dafür dass dieses Abschweifen zum Unterrichtsfach erklärt wird und nicht das Wissen, wieviel Staaten die USA haben. Das kann man nachschlagen.

 

Führen wir, nach den notwendigen Ausschweifungen die Exposition fort, so wird das zweite Thema, welches sich aus den Mythen speiste, nun ausführlicher. Die Harmonien erfahren eine Zunahme der Dominanten, was eine erhöhte Grundspannung ergibt, die Melodie entwickelt sich von oben herab wie diejenige des Wagnerschen Lohengrinvor-spiels, Beethoven würde  sich in seiner Kompositionstechnik bestätigt finden und Haydn sich wundern, was er da so alles mit seinen Erfindungen angestellt hat. 

 

Nehmen wir wieder das zweite Thema auf.

Zitat aus LiGi, dem Buch der Sitte.

“Alle Musik wird geboren im Herzen der Menschen. Was das Herz bewegt, das strömt in Tönen aus, und was als Ton draußen erklingt, das beeinflusst wiederum das Herz drinnen. Die Musik kommt aus dem Inneren hervor. Die Musik ist es, aus der die Töne entstehen, sie entsteht im Herzen des Menschen. Die Bewegung der Gefühle gestaltet sich im Laut. Der Laut, der nach dem Gesetz der Form gestaltet ist, heißt der Ton. Darum kennen Tiere zwar den Laut, aber nicht den Ton, und die Menge kennt zwar den Ton, aber nicht die Musik.

 

So muss man die Laute untersuchen, um die Töne zu verstehen. Man muss die Musik untersuchen, um die Gebote zu verstehen. So wird der Weg zur Ordnung vollkommen. Wer die Laute nicht versteht, mit dem kann man nicht über Töne reden. Wer die Töne nicht versteht, mit dem kann man nicht über Musik reden.

 

Wer die Musik versteht, erreicht dadurch auch die Geheimnisse der Sitte.

 

Die Musik ist die Harmonie von Himmel und Erde. Die Große Musik wirkt mit Himmel und Erde zusammen harmonische Vereinigung. Die Sitte ist die Stufenfolge von Himmel und Erde. Die Große Sitte wirkt mit Himmel und Erde zusammen rhythmische Gliederung. In der Sittbarkeit herrschen Sitte und Musik.

 

Im Unsichtbaren herrschen Geister und Götter. Auf diese Weise sind alle Menschen vereinigt durch gegenseitige Achtung und verbunden durch gegenseitige Liebe.“

 

Erstaunlich, denkt der Komponist, was ein chinesischer Philosoph in seiner Zeit so alles vorgedacht hat.

„Die Geburt der Musik aus dem Herzen der Menschen“ ist der Beginn eines sehr schönen und lehrreichen chinesischen Mythos`, der dann entstand, nachdem die Menschheit Ihre magische Phase zurückgelassen und die nächste Stufe ihrer Entwicklung erreicht hatte. Die Bewegung des Herzens, die gleichmäßige Pulsation desselben, kein Rhythmus sondern eine leicht unregelmäßige Gleichmäßigkeit prägen die Basis und strömen in einer ersten Phase des Tuns in Tönen hinaus in die Welt. Gleichzeitig beeinflussen sie wiederum das Herz drinnen, ein Vorgang, den man heute mit dem inzwischen etwas schwierig gewordenen Begriff der Resonanz bezeichnet, dem Klingen und Wiederklingen, dem Sonieren und Resonieren. Den Strom der Töne bezeichnet der Mythos als die Musik, die aus der Resonanz heraus entsteht in einem von Außen betrachtet scheinbar unlogischen, innermusikalisch  dann doch wieder tönend verstehbaren System. Die große Musik, das allumfassende verbindende Tönen aller Zusammenhänge, sie, diese Musik entsteht im Herzen der Menschen, unserer Basis, unserer physiologischen, ethischen, moralischen, sittlichen „Zentrale“ wie der Mythos meint.

 

In einem weiteren denkend tönendem Schritt erscheint ein neuer Begriff, welcher ein klangliches Ereignis bezeichnet, es ist derjenige des Lauts. „Die Bewegung der Gefühle gestaltet sich im Laut. Der Laut, der nach dem Gesetz der Form gestaltet ist, heisst Ton. Darum kennen Tiere zwar den Laut, aber nicht den Ton, und die Menge kennt zwar den Ton, aber nicht die Musik.“ Drei Ebenen werden hier unterschieden. Der Laut, der den Tieren zugeordnet wird und der sich nicht nur unmittelbar auf die Gefühle, die Affekte auswirkt, sondern dieselben gestaltet, der Ton, der durch die Gestaltung des Lauts nach dem Gesetz der Form gestaltet ist und die Musik, die die Ordnung der Töne darstellt.

 

Das wiederum bedeutet in einer zwischenzeitlichen Zusammenfassung:

„So muss man die Laute untersuchen, um die Töne zu verstehen. Man muss die Musik untersuchen, um die Gebote zu verstehen. So wird der Weg zur Ordnung vollkommen.“

 

Wohlgemerkt, dies ist ein Text aus einem asiatischen Kulturkreis. Einem Kulturkreis, welcher zu den Klängen, die sich in der Natur ereignen ein viel direkteres Verhältnis hatte als dies im Abendland denkbar war. Dies ist bedeutender als Sie denken mögen. Erlauben Sie mir zur Argumentation eine weitere kreative Abschweifung. Nach meinen beiden Staatsexamen studierte ich in Stuttgart als künstlerisches Hauptfach „Komposition“ bei meinem verehrten Lehrer Erhard Karkoschka. Die künstlerische Klasse bestand aus 6 Studierenden, einem koreanischen, einem ägyptischen, einem thailändischen, einem amerikanischen und zwei deutschen Kollegen. Die Kulturkreise, die hier aufeinander-stiessen, waren exorbitant. Vehement im Gedächtnis blieb mir der Kollege Su-Won Kim aus Korea. Nach zwei Jahren hatten wir es schließlich fertiggebracht, ihn dazu zu bringen, dass er uns etwas über seine koreanische Musik berichtete. Da er in der Überzeugung aufgewachsen war, dass die abendländische, besonders die europäische Musik über alles erhaben und bedeutend war und die koreanische Musik dagegen schlecht und unbedeutend ist, was dies ein sehr schwieriger Vorgang. Nachdrücklich im Gedächtnis verblieben mir zwei Schilderungen. Die erste beschäftigte sich mit der Entwicklung der koreanischen Musik und der Darstellung, dass dieselbe sich, bis zum Einmarsch der Amerikaner nach dem zweiten Weltkrieg über 2.500 Jahre überhaupt nicht verändert hat, also nichts dazukam und nichts wegfiel und dass sein Großvater, dessen Aufgabe es war, den großen Gong ein Mal im Jahr anzuschlagen, in seinen letzten Lebensjahren nicht mehr bereit war dies zu tun. Sein Argument war, dass er den Gong ohnehin das ganze Jahr hören würde. 

Was bedeutet dies? Es bedeutet, dass eine Kultur ihre eigene Mitte gefunden hat, das zumeist vorgegebene Leben friedsam und achtvoll lebt, dass die entstandene Musik für gut und im System funktionierend repetiert wird und ihre Aufgabe erfüllt. Diese Musik steht im Einklang mit den kosmischen Ordnungen, dem Weltganzen, dem Tagesablauf, den Jahreszeiten, den definierten Ereignissen. Kein Individualismus, keine Standardisierung, keine Evaluierung. 

 

Die Geschichte mit dem Gong zeigt ähnliches. Ein Tönen und Klingen wie das Beschriebene bedeutet kein Ereignis, kein Konzert, kein Event, keine Heilung, keine Kunst, keine Therapie. Es bedeutet, wieder im Einklang zu sein und es bedeutet, hören gelernt zu haben, so wie es die indische Kultur in Bezug auf Musik, die seit über 5000 Jahren besteht, versteht. Das lernte ich aus dieser Stunde mit dem Kollegen Su-Won Kim, der leider zwei Jahre später bei einem Autounfall verstarb.  

 

Wir dachten darüber nach, wie es tönte, als die Erde entstand. Wer hörte was? Laut, leise, schön, hässlich, brutal, feinfühlig? Niemand gab es wahrscheinlich damals, der etwas hörte und wenn, dann wissen wir darüber nichts. Wir können etwas über den Zustand sagen, der damals geherrscht hatte, die Geowissenschaften zeigen uns die Grund-bedingungen der Zeit in der Darstellung der Gesteinsschichten usw., die Philosophen spekulieren unter anderem über den Urknall oder dem Beginn des Bewusstseins. Die Musiker sind überzeugt, dass alles klingt, wenn es lebt, auch die Elemente.

 

Der Abschweifung dritter Teil

 

Der Klang der Elemente

Der griechische Philosoph Empedokles begründete mit der Aufreihung Erde, Wasser, Feuer und Luft die Lehre der 4 Elemente der Welt. Die asiatischen Kulturen gehen von 5 Elementen aus und sehen diese als ein permanent Sich-Wandelndes. Den Klang in allen Dingen beschreiben verschiedene Kulturen immer wieder in wechselnden Phasen und Bedeutungen. Nur die indische Kultur hat immer mit Ton, Klang und Musik zu tun. 

 

Erde

Die Erde bewegt sich permanent. Bewegung erzeugt immer Klang, Bewegung ist Klang, ist Schwingung. Wenn sich etwas bewegt, klingt es, tönt es. Die Ströme wie der Golfstrom bewegen sich, die Erdplatten verschieben sich, alles ist in dauernder Bewegung.  Alle diese Vorgänge sind immer mit Klängen verbunden, Klänge, die wir, bevor die Winde auftauchen, die Erde bebt, die Wellen sich überschlagen hören. 

 

Wasser

Auch Wasser tönt, ist immer in Bewegung, bringt immer neue Klänge und Töne hervor. Wasser tönt in der umfangreichsten Art und Weise und regt unsere Phantasie an. Die Quelle sprudelt, der Bach gurgelt, der Fluss murmelt, das Gewässer rauscht, der Wasser-fall zischt, das Meer tobt. 

 

Feuer

Feuer ist bestimmt durch eine Temperatur, Farben und Klang. Es wärmt,  zerstört, zeigt ein riesiges Farbenspektrum. Die Klänge sind kurz auffahrend, wechseln in kürzester Zeit die Tonhöhen, das Feuer knistert, faucht. Wir Menschen sehen und hören es, wir spüren es. Schütten wir Wasser ins Feuer, zischt es. Feuer sehen wir, Feuer hören wir, Feuer fühlen wir.

Luft

Luft ist das unsichtbare Element. In Form des Windes hören und spüren wir sie, wir sehen sie nicht, nur ihre Auswirkungen. Wir sehen die Wolken schnell und langsam ziehen, wir sehen die Bäume sich neigen, die Blätter durch die Luft wirbeln, wir sehen aber den Wind an sich nicht. Wir hören ihn stöhnen, fauchen, pfeifen, seine Charakteristik ist das Tempo, das Schrille, das Wühlen, das Reißen.

 

Versuchen wir eine Beschreibung dessen, was sich hier ereignet:

(Klang, eine Beschreibung desselben) 

Klang bestimmt die Wahrnehmungen unseres Lebens, Denkens und Fühlens. Er ist der Mittelpunkt des eigenen Seins, ist ständig in Bewegung, ändert seine Facetten, seine Farben, seine Art des Tönens. Er ist das Unsichtbare, das Ungestaltete und trägt, wie die Inder in den Upanischaden sagen, den höchsten Grad von Wahrheit in sich. Klang ist unabhängig von Kultur, Epoche, Stil, Technik, als ein elementares Grundphänomen des Seins an sich vorhanden, ist bedeutender Bestand von Schöpfungsdeutungen, den Kosmogonien, ist heute vernachlässigte Möglichkeit des gegenseitigen Umgehens, der Ausweitung der eigenen sinnlichen und sinnerfüllten Wahrnehmung. Wer unterhält sich noch klanglich-musikalisch?

 

In den Schöpfungsmythen findet man am häufigsten die Theorie, dass im frühen Zustand allen Seins die Welt aus Klang bestand. Lange, bevor irgendetwas war, gab es Klang. Lange bevor etwas fest war, gab es Flüssiges. Klang ist das unsichtbare Element, vergleichbar nur dem Äther, der Luft. Alles Klangliche entstand weit vor unserer Wahr-nehmung, vor Zeiten, die sich unserer sprachlichen Vorstellung entziehen. Die Kosmo-gonien, die Theorien der Weltentstehungen behaupten: Klang ist vorhanden als Flüssiges, welches im Laufe seiner Geschichte den Wandlungsprozeß zum Festen durchlaufen kann. Dies ist immer nur im Klang wahrnehmbar und ist mit Sprache unzureichend zu vermitteln. Das Schwebende, Flüchtige kommt vor dem Festen, es wird erst im Laufe seines Seins durch die Ordnungen der Zeit, durch Pulsation, Metrum  und Rhythmus gestaltet.

 

Konkret dauerte es sehr sehr lange, bis die Erde nur annähernd bewohnbar war.

Wie es damals, als die ersten Menschen ein Leben hier versuchten, geklungen und getönt hat, wissen wir wenig, wussten wir bis zum Jahre 2007 so gut wie gar nichts.

 

„Entstehung der Kultur aus den Höhlen - Die Geschichte auf der Alb - Am Anfang war die Kunst“ titelte die Zeitschrift der Spiegel am 2.7.07. Das magische Mammut wurde die Elefantenfigur genannt, die im Frühsommer 2007 gefunden worden war und mit der die Geburt der Kunst datiert wird. In den Höhlen der Schwäbischen Alb, der Vogelherd-Grotte, dem Hohlenstein im Lonetal sowie dem Geisenklösterle und dem Hohlen Fels bei Blaubeuren begann vor 35000 Jahren der Mensch Objekte seiner Umgebung in Miniatur-form nachzubauen, es war die erste Form der Kunst des Bildhauens. Als Material dienten die hellen Stoßzähne des Mammuts, das Werkzeug dürften Schaber und lange, einem Messer vergleichbare Kratzer gewesen sein, die aus Stein hergestellt worden waren.

 

In der Vogelherdgrotte fand vor einigen Jahren der Tübinger Ur- und Frühgeschichtler Conrad zwei zersplitterte Skulpturen. Nach der Präparierung beschrieb er dies so: „Die kleine Figur hat gewaltige Vorderfüsse und einen dynamisch gebogenen Rüssel.“ Es war das Abbild des größten Tiers dieser Zeit, welches in der Realität eine Schulterhöhe von drei Metern, einen Höcker auf dem Schädel hatte, bis zu 6 Tonnen als ausgewachsene Bulle wog und alleine eine Leber hatte, die 40 Pfund wog, das Abbild wiegt dagegen nur 7,5 Gramm. Der Künstler, der dies schuf, musste trotzdem mit großer Gewalt vorgehen. Der Stoßzahn des Mammuts wurde mit einem Steinbeil quer durchschlagen, die Figur mit Sand glatt geschmirgelt. Die Figur ist, wie heute zu sehen, weitestgehend eingedunkelt, nach 33 000 Jahren auch durchaus als Ebenbild verstehbar.

 

Weitere gefundene Figuren zeigen eine Raubkatze beim Anschleichen, einen Wasser-vogel, einen Löwenmensch, ein Tierköpfchen. Fast am schönsten ist die kleine Mammut-plastik: sie ist 3,7 cm lang und vollständig erhalten. 18 kleine Plastiken kamen bei früheren Grabungen im oben bezeichneten Schutt dieser Grotten zutage. Sie lagen neben Schmuckperlen, Holzkohle und Essensresten. 

 

(Kunst und Magie)

Diese Funde weisen daraufhin, dass die Kunst sich aus dem Geist der Magie entwickelt hat. Die Bestie der Natur, das Mammut wurde zum kleinen Stillleben degradiert.

 

Dabei schälten sich zwei grundsätzliche Erkenntnisse heraus:

Die Menschen jener Zeit dachten nicht rational. Ihre Welt steckte voller Geister; jeder Baum und jedes Tier besaß eine Seele. 

Sie versuchten, diese Geister der Außenwelt durch die Technik der Magie zu beeinflussen.

In der Kunst verwandelten sich die Ungeheuer der Wirklichkeit in zahme Marionetten, die keine Gefahr mehr bedeuteten.

 

Weiter in der Geschichte

Etwa vor 41000 Jahren erreichte der Homo sapiens die Höhlen in Blaubeuren. Diese Zufluchts- oder auch Ritualstätten waren der Ausgangspunkt für weitere Ausdehnungen. 

Es war zu dieser Zeit kalt und im Winter wurde es kaum hell. Erst nach und nach traten ökologische Veränderungen ein, die die Gegend zu einer lebens- und überlebenswerten machten.  

 

Vorerst blieben die Höhlen, die meist nur im Winter genutzt wurden. Das lässt sich aus den Flötenknochen von Pferden schließen, die im Kulturschutt der Kalksteingrotten lagen. Stuten werfen ihre Fohlen im Frühjahr. Ansonsten lebten die Clans oder Familien dicht beieinander in den von Wiesen begrünten Tälern. Es begannen sich „dorfähnliche Strukturen“ auszubilden. 

 

Vor 35000 Jahren gingen man zum härteren Werkstoff Elfenbein über - deshalb blieben die Meisterwerke auf der Schwäbischen Alb erhalten. Vor vier Jahren fanden die Archäologen dort einen kleinen Wasservogel aus Elfenbein. Dieses Tier diente sibirischen Schamanen noch vor wenigen Jahrzehnten als Hilfsgeister bei der Beschwörung. Daneben steht einer der auffälligsten Funde, der rund 39 cm hohe Löwen-mensch, aufrecht, mit langgestrecktem Leib. Seinen linken Oberarm zieren 7 Rillen. Daneben der „Adorant“. Die Figur hebt die Hände empor wie ein Pfarrer beim Segen. Sie gilt als allererstes Abbild, das der Mensch von sich schuf.

 

Musik

Und es war nicht nur das Abbild von Tieren, Figuren des Menschen, sei es aus schamanischen Gründen, sei es aus magischen Vorstellungen heraus, die Theorie, dass immer alles in dieser Welt Klang ist, mit Klang verbunden, erfährt in dieser Gegend ihre reale Begründung.  In der schon mehrfach erwähnten Höhle Geisenklösterle oberhalb des Blautopfs entdeckten die Forscher im Abfall 4 Flöten, 2 von ihnen aus Schwanenknochen hergestellt. Dies sind die nachweisbar ältesten Musikinstrumente der Welt, die Tübinger Musikwissenschaftler haben dies dokumentiert. Die Rekonstruktion der Flöten, ihre Restaurierung zeigte ein beeindruckendes Klangverhalten. Heute sind die Flöten genau nach den Vermessungen nachgebaut werden gespielt, CDs avon können erworben werden. 

 

Die Welt des Klangs öffnete sich von der direkten Lautlichkeit der menschlichen Stimme hin zu einem instrumentalen Denken, weg von der eigenen Verlautbarung hin zum aktiven Klang der umgebenden Realität. Zitat Spiegel: „Eine der Flöten - sie wurde im Jahre 2004 entdeckt - ist aus purem Elfenbein. Der Handwerker spaltete dafür einen Stoßzahn der Länge nach durch. Dann höhlte er ihn aus, schnitzte drei Löcher hinein und verleimte die beiden Hälften luftdicht mit Birkenpech. Schon das gilt als „einmalige Leistung“ (Conrad). Doch dem Handwerker gelang wesentlich mehr. Er verwandelte den Schrecken der Natur und seines Überlebens in Töne: Aus dem Wehrzahn eines wut-schnaubenden Elefanten ertönte eine Melodie. Was für ein Zauber!“

 

So begann die Geschichte des Denkens von  Musik aus einer Materie in einer schwäbischen Höhle, einer Karsthöhle, oberhalb den damals noch nicht zugänglichen Höhlen des Blautopfes, über die und deren Akustik noch weiteres zu sagen ist.

 

Dies zeigt, dass Menschen sich schon sehr früh mit dem selbst erzeugten Klang befasst hatten und dass er bedeutungsvoll für sie war.

 

Wir haben das erste Thema unserer Exposition, die Entstehung der Erde nun aufgefächert, ihre Motive weiterentwickelt, Motive repetiert, imitiert und auch variiert. Dies sind in meinem musikalischen Verständnis die Grundlagen jeden Tuns. Sie können ein gutes Gastmal, nachdem es Ihnen einmal sehr gut gelungen ist, repetieren, sie können es in vielfältiger Weise imitieren, vergrößern, verkleinern, spiegeln, sie können es variieren, verändern so wie das Thema Mozarts Morgen kommt der Weihnachtsmann. Sie können diese Möglichkeiten auf Farben anwenden und unzählige Leinwände verzaubern, sie können ihre Sommerreise in diesen Techniken planen, ihren Berufsalltag, ihren Vortrag so schreiben, einen Kongress so gestalten. Sie können all dies mit diesen kreativen künstlerischen Mitteln entwickeln und werden die Welt kennenlernen. Vielleicht neu kennenlernen, vielleicht wiederentdecken.

 

Wir führen das erste Thema der Exposition nicht im anfänglichen Plan weiter. Musik ist, im abendländischen Verständnis der Naturwissenschaft, da nicht deutlich erklärbar, dem Chaos zuzuordnen. Unser zweites Thema sieht dies anders bzw. beschäftigt sich primär mit geistes- und weniger mit der Naturwissenschaft.

 

Zitat 

„Die Musik ist die Harmonie von Himmel und Erde. Die Große Musik wirkt mit Himmel und Erde zusammen harmonische Vereinigung. Die Sitte ist die Stufenfolge von Himmel und Erde. Die Große Sitte wirkt mit Himmel und Erde zusammen rhythmische Gliederung. In der Sittbarkeit herrschen Sitte und Musik.

 

Im Unsichtbaren herrschen Geister und Götter. Auf diese Weise sind alle Menschen vereinigt durch gegenseitige Achtung und verbunden durch gegenseitige Liebe.“

 

Ich denke, dies habe ich nicht zu erklären, dies erklärt sich von selbst.

 

Meine Damen und Herrn!

Im Laufe der Arbeit an den Ideen zu diesem Vortrag geriet ich, bedingt durch mein musikalisches Tun immer mehr in einen mir längst vertrauten Gedankenfluss, der mir wieder einmal klar machte, dass die Gegensatzbildung von Kunst und Therapie eine für mich Unerträgliche ist. Solche künstlichen und nicht künstlerischen Begriffsbildungen schaffen, wie ich in meinem Leben oft genug gesehen und gehört habe, nur Feindbilder, die sich zum Beispiel darauf hinausreden, dass einer hohen Individualisierung in der Gesellschaft eine umfassende Standardisierung gegenübergestellt werden muss, wobei jeweils die eine die andere misstrauisch beäugt.

 

Für mich ist jegliche Arbeit mit Klängen Musik und ob Sie dies Kunst, Therapie oder Wasauchimmer nennen wollen, ist mir inzwischen relativ gleichgültig, da ich der Unfähigkeit der verbalen Sprache solche Inhalte darzustellen, nicht mehr auf den Leim gehen werde. Materie wie Metall bei Peter Hess, Wasser bei meinem Schlagwerker Manfred Kniel, sichtbar durch die fantastische Arbeit von Alexander Lauterwasser, Stein wie bei unseren KlangSteinen, Materie ist, jenseits aller Esoterik geistfähig und Resonanzdenk- und spürbar, sei es als klingendes Morgenrot oder als Ohrenlicht. 

 

Um dies zu vermitteln und um einen Anfang zu legen, zitiere ich in meiner Liebe zu Indien und der alten indischen Musikkultur den indischen Sarod-Musiker Amjad Ali Khan, um das indische Denken zu erläutern (englische Texte). Die Zitate entstammen einem Buch, auf welches ich bei einem meiner Aufenthalte in Indien aufmerksam gemacht wurde und welches diesen Aufenthalt wesentlich bestimmte. Die Zitate werden durch die An-weisungen an den Hörer von Pandit Padekar und unseren Kommentare unterbrochen, dadurch geweitet, erläutert und gespiegelt. 

 

I always say that Indian classical music is a long and endless journey. 

 

Diese Reise ist für die zuhörenden und die ausübenden Musiker ein gemeinsamer Weg. „Löse Dich mit Deinen Gedanken zeitweise von der üblichen Art des Denkens und konzentriere Dich auf die höheren geistigen Aspekte des Lebens.“

 

We need to be totally dedicated to our Art, God and Guru.

 

Kunst und Musik, Spiritualität und Lernen sind nicht vom Leben abzukoppeln, sind nicht als verschiedene Existenzen zu führen. Lehrer sind keine Gebrauchsgegenstände und Gott sollte nicht nur den Kirchenmusikern gehören.

 

... I do not know what I was earlier, but surely I must have been in search of musical expression for many lives.... 

 

Abendländisches Denken befasst sich nur mit dem aktuellen, individuellen Leben und Schaffen eines Menschen, indisches Denken denkt über die Lebenszeit hinaus in die großen Ströme der Entwicklungen und des Seins.

 

Maybe I used to play some other instruments, or maybe, yes, I do feel I used to sing....and today I am singing my song through my sarod.

 

Die indischen Instrumente sind, wie die Klangschalen und die KlangSteine, göttlich, gedacht für die Ewigkeit. Sie werden von und über Generationen hinweg gebaut, die Geheimnisse nur hier weitergegeben. Der Urgroßvater einer Sitarbauenden Familiendynastie beschäftigt sich nur noch mit dem hauchdünnen Faden am Steg, der dann schließlich das Wesentliche ausmacht.

 

And, god willing, if I am born again, my unfinished journey of music will then attain complation.

 

Jeder indische Musiker geht den Weg der Musik immer weiter und sollte ein Leben nicht ausreichen, dann setzt man die Arbeit im nächsten Leben fort.

 

... Because every raga is an ocean ... Yaman or Darbai or Shuddha Kalya ... one lifetime is not enough to fully explore a raga.

Raga ist eine Sammlung von Tönen, Folgen, Melodien, Rhythmen, die sich ändert, zu welcher Tageszeit man sie spielt. Und es ist ein Gefühl, welches sich in den kleinsten Motiven der Töne vermittelt. 

 

„Stelle eine Verbindung her zu den übermächtigen Aspekten der Wirklichkeit. Dies läßt sich sowohl durch die Töne des Ragas als auch durch seine Rhythmen erreichen.“

 

So I would like to be born as a classical musician ... and I would love to be dedicated to the service of music every time I return to this world ...

 

Immer im Fluß sein, alle innere Voreingenommenheit beiseite lassen, eine tolerante Haltung zu Einflüssen haben, das Beste davon übernehmen, das selbst Entwickelte bewahren und immer weiter an der Perfektion arbeiten....

 

What were you before this birth?

 

Wiedergeburt bedeutet, sich als Glied einer Kette zu begreifen, an der Erkenntnis es umfangreichen musikalischen Denkens zu arbeiten, die Möglichkeiten, die die akustisch-geistige Welt bietet, für die Entwicklung der Gesamtheit wahrzunehmen und dies zu nutzen.

 

Definitly a musician.

 

Instrumentalist, Komponist, Dirigent, Instrumentenbauer, Sänger, Musiker, musician. Musician bedeutet alles in allem, das Ganze, das Gesamte. Spielen ist all das zusammen, der Spieler, der Komponist, der Instrumentenentwickler, der -bauer.

 

But this field of music is so vast, that you might spend one lifetime in just observing and listening.

 

Beobachten und zuhören, Sehen und Hören, absichtsloses Tun der Augen und der Ohren.

„Sei still und vergeistigt - innerlich und äußerlich.“

 

Then you will be born with a deep yearning of music, and spend that lifetime in learning. 

 

Dann wirst Du mit einer tiefen Sehnsucht nach Musik geboren und dein Leben mit lernen verbringen.

 

„Versuche Dich in den Künstler einzufühlen. Das heißt, versuche mit ihm zu fühlen und eins zu werden mit dem Künstler und dem Thema.“

 

Then be born again and practice profusely, fill the world with your music and make a name.

Im nächsten Leben übe, soviel du kannst; fülle die Welt mit deiner Musik und mach dir einen Namen

 

„Versenke Dich in eine Stimmung der Meditation und Kontemplation. Hierzu eignet sich am besten der Âlâp eines Ragas. Er ist die ruhige, meditative Ausführung der musikalischen Idee, der schwierigste Teil der Improvisation, der unmittelbarste Ausdruck des Musikers.“

 

Das, meine Damen und Herrn, muss reichen. Es gibt genügend zu tun.

 

Klaus Feßmann Salzburg, Iffeldorf 2011